Kirchturmtechniker Silvan Dominioni von der geschichtsträchtigen H. Rüetschi AG. Die Gründung fand vor 650 Jahren statt.
Bild: Desirée Müller
16.10.2026 07:00
Zwischen Kamel und Kirchenglocken
Wer in Märstetten derzeit Glocken hören will, muss sich noch gedulden. Hoch über den Dächern wird geschraubt, gehämmert und millimetergenau angepasst. Ich durfte den Arbeiten im Kirchturm über die Schulter schauen, bevor am Sonntag das sanierte Geläut wieder seinen Dienst aufnimmt.
Märstetten Für einmal klingt Katy Perrys «Firework» statt Orgelmusik aus der evangelischen Kirche in Märstetten. Ich folge der Musik – und finde Mesmer Martin Bär lachend unter einem Radiator liegend vor. Nicht nur die Glocken werden in diesen Tagen renoviert, auch die Wasserleitungen sind an der Reihe.
Ein paar Tage zuvor hatte ich Martin gefragt, ob ich bei den Arbeiten oben in der Turmstube dabei sein dürfe. Dass es keinen Lift gibt, war mir klar. Wie viele Treppenstufen tatsächlich vor mir liegen würden, allerdings nicht. Manche wirken, als seien sie für Kinderfüsse gebaut. Ich rechne mit Knarzen und Ächzen unter meinen Schuhen, doch die alte Holztreppe hält erstaunlich souverän dagegen. Trotzdem bin ich froh, dass wir Stockwerk für Stockwerk nehmen. Schon beim ersten Halt wartet eine Überraschung. Ein Kopf grösser als ich, vier Beine, mitten im Kirchturm. Martin lacht über meinen Blick. «Das Kamel haben wir geschenkt bekommen. Wir setzen es jeweils beim Krippenspiel ein.»
Ein Loch in der Mauer mit
langer Geschichte
Weiter oben wird es weniger tierisch, dafür historischer. In einer Mauer entdecke ich ein kleines Loch, kaum gross genug, um den Kopf hindurchzustecken. «Schau mal durch. Erkennst du die Tanne? Und dahinter das Haus?», fragt Martin. Ich nicke. Dort habe bis 1906 wohl das Pfarrhaus gestanden. «Am Sonntagmorgen, wenn der Pfarrer den Fuss auf die oberste Treppenstufe stellte, wurden die Glocken geläutet», erzählt er. Wer hier hinaufschaut, entdeckt viele Spuren früherer Bauarbeiten. Kleine Öffnungen im Mauerwerk etwa , in denen vor über 500 Jahren vermutlich Balken steckten. So konnte im Innern eingerüstet und der Turm Stockwerk für Stockwerk weitergebaut werden. «Schlau», sage ich. Martin nickt zufrieden.
Nach 74 Jahren ist Schluss
Ein paar Stufen höher wird aus Geschichte Gegenwart. Als Muster liegt auf dem Boden ein altes Stahljoch, jener massive Träger, an dem die kleinste der fünf Glocken 72 Jahre lang hing. Nun stand eine Kontrolle an. Für diese braucht es eine sogenannte Magnetrissprüfung. Denn Schäden an den Lagerzapfen und an den Verbindungen lassen sich von aussen nicht zwingend erkennen. Die Kirchgemeinde entschied sich gegen die kostspielige Prüfung und für fünf neue Joche. Nach mehr als 70 Jahren eine nachvollziehbare Investition. Die neuen Joche entsprechen dem Stand der Technik.
Dass die Glocken derzeit schweigen, bleibt im Dorf nicht unbemerkt. Zwei, drei Stimmen habe er gehört, die sich wünschen würden, es bliebe gleich so, erzählt Martin. Deutlich mehr Menschen hätten aber gefragt, wann sie endlich wieder läuteten. Einige vermissten sogar die Orientierung im Tagesablauf. «Das 6-Uhr-Geläut ist am beliebtesten», sagt Martin. Sein persönlicher Favorit sei das «Elfiglöckli» – und das Feierabendgeläut.
Gesteuert wird längst automatisch
Die Anlage wurde vor drei Jahren installiert. Martin deutet auf die alten Schlaghämmer, die am Boden liegen. Sie sorgen für das «Ding dong, ding dong, dong, dong, dong», wie er gleich selbst demonstriert. Mit den neuen Schlaghämmern kommt eine zusätzliche Möglichkeit dazu. «Und die können etwas ganz Besonderes», sagt Martin und lächelt. Künftig lässt sich mit den fünf Hämmern eine kleine Melodie spielen, etwa zu einem runden Geburtstag oder an einer Hochzeit. «Aber nicht an jedem Tag. Es soll etwas ganz Spezielles bleiben.» Die alten Klöppel hingen rund 70 Jahre lang an Lederriemen. Diese Riemen sind nach ungefähr 40 Jahren brüchig und müssen ersetzt werden. Leder ist auch bei neuen Klöppeln immer noch Stand der Dinge.
Geläuteordnung ist in jeder Gemeinde anders geregelt
Mittlerweile ist das Hämmern und Rasseln über uns deutlich lauter geworden. Wir steigen weiter hinauf, dorthin, wo die eigentliche Arbeit stattfindet. Silvan zieht im Takt an einer Metallkette und hebt eine Glocke Zentimeter um Zentimeter – genauer gesagt Millimeter um Millimeter – nach oben. Gregor sitzt auf einem Balken und prüft eines der metallenen Joche, an denen die Glocken nacheinander befestigt werden. «Ich komm gleich runter», ruft Silvan.
Während wir warten, erzählt Martin von der Läuteordnung in Märstetten. Stirbt ein Mann im Dorf, wird um 18.20 Uhr Glocke 1 geläutet, bei einer Frau Glocke 2. Auch Hochzeiten werden mit Glocke 2 ausgeläutet. Wer genau hinhört, könne die einzelnen Glocken mit etwas Übung unterscheiden. Wie geläutet wird, legt jede Gemeinde selbst fest.
Ein Beruf ohne Namen
Dann steht Silvan vor uns, die Hände schwarz von der Kette. Dass ihm seine Arbeit gefällt, ist schnell klar. Kirchenturmtechniker nennt er sich – offiziell gibt es diese Berufsbezeichnung allerdings nicht. «Es gibt auch keine Lehre oder Weiterbildung dafür», sagt er. Als gelernter Zimmermann sei er in der Branche eher ein Exot. «Wir arbeiten meistens mit Metall.» Trotzdem scheint genau diese Mischung zu passen: handwerkliches Gespür, technisches Verständnis und die Geduld für eine Arbeit, bei der kleinste Abweichungen Folgen haben können. Denn hier oben geht es um Präzision. Teilweise bis in den Mikrometerbereich – ein Tausendstel Millimeter. «Wenn ein Teil nicht zu 100 Prozent richtig bemessen und angefertigt wurde, passt es nicht ins Konstrukt», sagt Silvan. Oder etwas weniger technisch formuliert: Wenn jemand vor ihm einen «Seich baut», bleibt es am Ende an ihm hängen.
Bis Sonntag muss alles sitzen
Zum Glück komme das kaum vor. Ganz ohne Anspannung gehe es trotzdem nicht. Zwei Glocken hängen wieder im Glockenstuhl. Noch fehlen Antrieb, Ketten und Magnethämmer. «Zum einen gibt es ein Läutrad und eine Kette, welche vom Motor angetrieben werden. Dann schwingt die ganze Glocke. Dann gibt es die Magnethämmer, welche für die Stundenschläge und Viertelstundenschläge zuständig sind.» Bis Sonntag muss alles montiert sein.
«Weisst du, wir verkaufen keinen VW Golf», sagt Silvan und lacht. Kein Kirchturm sei nach Schema XY gebaut. «Einige Glocken hängen wie hier auf der gleichen Ebene, andere übereinander, wieder andere ganz im Freien. Die Ausgangslage ist immer eine andere, und das finde ich so spannend daran.»Der Glaube selbst spiele in seinem Beruf keine entscheidende Rolle. Die Kirche als Auftraggeber hingegen schätzt er. «Die Kirche ist ein sehr angenehmer, verlässlicher Auftraggeber.» Natürlich gebe es auch hier Budgets und Termine. «Aber irgendwie wird anders gearbeitet als in der Industrie oder Wirtschaft.»
Von Desirée Müller