07.05.2026 00:00
«Wurzelgespräche» im Trend
Ein Podcast mit Gästen, die neue Perspektiven aus Leben und Natur teilen
Vom Bienenexperten, zur Sexualtherapeutin, dem Demeter-Bauern zur Philosophin bis hin zur Gründerin eines Unverpackt-Ladens. 23 Menschen hat die Podcasterin Jacqueline Baumann aus Langrickenbach im letzten Jahr besucht. Ihr Ziel: Menschen verbinden und als Übersetzerin arbeiten.
Langrickenbach Jaqueline schliesst die Tür hinter sich ab, Jungkater Leo flitzt gerade noch, zwischen ihren Füssen hindurch, nach Draussen. «Na, begleitest du uns?», fragt die 39-Jährige und krault dem Tigerli den Kopf. Unser Ziel ist ihr Wurzelgarten, einige Schritte durch eine Baumallee entfernt vom Haus. Schon von weitem sieht man die Baumstämme in die Höhe ragen. Sie bilden einen Kreis und wenn man davor steht hat man das Bedürfnis zu fragen, ob man eintreten darf. Jacqueline lacht: «Das Gefühl haben spannenderweise viele.» Bisher habe er noch jeder und jedem Einlass gewährt. «Scheinbar finden nur gute Menschen zu uns auf den Hof», sagt sie augenzwinkernd. Wir setzten und auf eine Holzbank unter einem heranwachsenden Quittenbaum. Der optimale Ort, für persönliche Gespräche mit ihren Podcast-Gästen doch: «Wenn immer möglich reise ich zu meinen Interviewpartnern. An die Orte, wo sie wirken. Wo sie verwurzelt sind.» Viele davon sind in der Region zu Hause. «Aber ich schränke mich nicht ein, wenn sich eine spannende Gelegenheit bietet.» In der Vorwoche war sie im Berner Oberland bei Brigitte Trauffer, der Frau des bekannten Sängers. Sie war Lehrerin, Journalistin, Rocksängerin und ist heute Hotelgastgeberin. Ob bekannt oder nicht: «Der einzige Unterschied ist vielleicht, dass sich manche das Mikrofon gewohnt sind.» Die «Magic Moments» gebe es aber bei allen. «Immer dann, wenn die Aussenwelt verschwindet und man vergisst, dass man in einem Interview ist.» Es seien viel mehr Gespräche, bei denen auch sie, wenn angebracht, eine Erfahrung mit ihren Gästen teile.
Eingeladen ist, wer anders denkt
Die Themen sind grundverschieden und doch haben sie Gemeinsamkeiten. Gelebte Nachhaltigkeit, Natur in all ihrer Form, Menschen, die in ihren Berufen anders wirken als man denkt. «Viele Bereiche wie die Landwirtschaft finden einfach statt, ohne dass man dahinter blickt», so Jacqueline. Was bedeutet überhaupt Bio oder Demeter. «Zum Beispiel erklärten die Gründer von ‘Bärenmost’ was man vielleicht nicht über Bio wissen möchte.» Ehrlich, klar mit Tiefe aber ohne zu Graben. «Die Gespräche sind sehr authentisch, die Fragen kommen spontan auf.» Sie spreche vorab mit den Gästen, doch in ihrem kleinen Büchlein stehen nur ein, zwei Stichworte. «Es ergibt sich ein Gespräch dessen Ausgang wir alle nicht wissen.» Und das machen ihre Podcasts sehr beliebt.
Nicht über Zahlen definieren
Jacqueline macht keine Werbung dafür, die Bekanntheit dürfe organisch wachsen. Von Beitrag zu Beitrag wächst die Anhängerschaft. Aktuell hören ihr rund 6000 Menschen zu, wenn sie herumreist auf der Suche nach Menschen, die es verdient haben, gehört zu werden. «Guter Content wird in den Sozialen Medien meist in Zahlen gemessen. Entweder sind die Beiträge super positiv, die Follower wünschen sich das Leben der Gefolgten. Oder aber dramatisch.» Es werde viel polarisiert und nicht aus dem echten Leben erzählt. Doch dies sei alles andere als langweilig. «Man kann sich viel mehr mit solchen Geschichten identifizieren.» Es geht um das Verbindende, nicht das Trennende.
Akzeptieren, Lob anzunehmen
Die Vision eines Podcast hat sie schon lange. «Als Kind führte ich gerne Gespräche mit imaginären Gästen oder nahm Radiosendungen auf uns moderierte selbst die Musik an.» In ihren Freundschaftsbüchern stand immer beim Berufswunsch «Journalistin». Doch spannende Antworten aus den Interview-Partnern herauszukitzeln, oder diese nicht frei wählen zu dürfen, passe nicht zu ihr. Sie ist mehr die Zuhörerin für das, was die Menschen erzählen wollen. Und dies tut sie sehr gut. Das zeigen Kommentare und Mail von Bekannten wie auch von Fremden. «Ich musste lernen, Lob anzunehmen. So fragte ich mich bislang immer, wann ist etwas, das ich tue genug gut. Heute schätze ich bestärkende Feedbacks, freue mich aber auch über kritischere Rückmeldungen, um selbst zu wachsen und immer authentischer zu sein.»
Geld verdient sie keines mit ihrem Podcast
Sie führt zusammen mit ihrem Partner den Hof, gibt Balance Energiestunden und Natur-Wirkshops für jedes Alter in ihrer «Wurzelstube» zwischen den Obstbäumen oder auch in anderen Settings. Dazu stellt sie Hofprodukte wie Badesalz und Kräutermischungen her, welche sie in Co-Kreation auf Märkten verkauft. Jacqueline ist gelernte Kauffrau und arbeitete zuvor in verantwortungsvollen Positionen in Stadtverwaltungen. Die Wurzelgespräche fühlen sich deshalb so frei an, weil sie komplett unabhängig sind und nicht von einem bestimmten Sponsoren oder anderen bezahlten Partnerschaften gesteuert werden. Doch ein Satz von einem Interviewgast lässt sie nicht los: «Ich sprach mit ihm und seinem Sohn. Er meinte am Schluss, der Podcast sei für die Familie wie eine Zeitkapsel und sehr wertvoll.»
Sie könne sich vorstellen, solche persönliche Podcasts Menschen auch als Dienstleistung anzubieten und ist offen für alles was durch die Gespräche auch an Angeboten und Kooperationen noch entsteht. « Meine Wurzelgespräche sind einfach für alle, die tiefer hören möchten – ins Leben, in sich selbst und in die Geschichten anderer oder eben die eigene».
wwwwww.wurzelwege.ch.wurzelwege.ch
Desirée Müller