Retrospektive von acht Jahrzehnten künstlerischem Schaffen
Bis 15. Mai zeigt Anja Niederhauser in der Kreuzlinger Seeburg Werke ihrer verstorbenen Eltern Kundry & Hans Niederhauser, die in Fruthwilen lebten.
Bis 15. Mai zeigt Anja Niederhauser in der Kreuzlinger Seeburg Werke ihrer verstorbenen Eltern Kundry & Hans Niederhauser, die in Fruthwilen lebten.
Fruthwilen/Kreuzlingen Vieles ist Vergangenheit, aber Hans Niederhausers Markenzeichen sind geblieben: grosser grauer und an den Enden gerollter Schnurrbart, kariertes Hemd, blaue Latzhose und runde Brille. An einer Generalversammlung des Bodenseeclubs in Meersburg kam Kundry ins Leben von Hans Niederhauser. Eine Elektronik-Ingenieurin und Kunstmalerin aus der Steiermark. Am 20. April 1976 heiraten die beiden in Oxford und malten am Heiratsmorgen im Park ein gemeinsames Aquarell. Vier Jahre später kam ihre Tochter Anja zur Welt. «Meine Eltern waren trotz oder gerade wegen ihrer Verschiedenheit ein symbiotisches Paar und es ist und war zwar traurig, dass Kundry so kurz nach Hans verstorben ist. Er am 22. März letzten Jahres, sie am 20. Mai. Es ist traurig, aber aufgrund ihrer sehr engen Verbundenheit nicht wirklich überraschend, dass die Zeit ihrer Tode so nah zusammenfällt», sagt sie an der Vernissage am ersten Maisonntag in der Seeburg in Kreuzlingen. Die Ausstellung bezeichnet sie als eine Retrospektive und natürlich auch eine Hommage, eine Würdigung des Werks ihrer Eltern, ihres Schaffens und auch von ihnen beiden als Menschen.
«Dem Sichtbaren ist es eigentümlich, im strengsten Sinne des Wortes durch ein Unsichtbares gedoppelt zu sein, dass es als ein gewissermassen Abwesendes gegenwärtig macht», zitiert Anja Niederhauser den französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty bei der Begrüssung der gegen hundert Besucherinnen und Besuchern. Und so gehe es den Anwesenden heute, wenn man die Bilder ihrer verstorbenen Eltern betrachte: «Etwas Unsichtbares, das in das Sichtbare hineinwirkt. Das Gefühl der Abwesenheit wird verstärkt dadurch, dass wir alle wissen, dass beide nicht mehr leben.» Sie, zusammen mit ihren beiden Schwestern, erinnert sich daran, dass Vernissagen zu ihrem Leben von klein auf gehörten: «Die Eltern waren im Vorfeld nervös und der Vater bestand darauf, dass der Wein erst nach der Ansprache ausgeschenkt wird - sonst könnten die Leute nicht klatschen.» In dieser Ausstellung in der Seeburg können Bilder aus acht Jahrzehnten bewundert werden, denn im Estrich kamen Bilder zum Vorschein, die in den jeweiligen Teenagerjahren entstanden. Als spannend bezeichnet sie dabei die grossen Entwicklungsbögen des Blicks. Beide hatten ihren ganz eigenen, vom anderen sehr verschiedenen.
«Meine Mutter malte und skizzierte noch in den siebziger Jahren Menschen und collagierte. Landschaften traten vor allem in der Phase auf, in der sie Hans kennenlernte - bleiben allerdings als Hintergrundmotiv lange bestehen - vor allem in den 90er und Nullerjahren», sagt die Tochter der Beiden. Als Ingenieurin habe sie genau hingesehen, dies mit einem, analytischen Blick fürs Detail und bis zuletzt hat sie ihre Sujets auf dem Maltisch arrangiert und ausgeleuchtet. «Sie beforschte die Oberflächen, Strukturen und Lichtverhältnisse bis sie sich darin aufzulösen schien. Beim Malen vergass sie alles. Schon früh hatte sie Schmerzen im Nacken und Rückenbereich vom stundenlangen malen. Nichts hielt sie davon ab», erinnert sich Anja Niederhauser. Türkis, die Lieblingsfarbe ihrer Mutter, sehe man bei ihrem Vater vor allem in der frühen Phase des Zusammenseins mit ihrer Mutter und Landschaften habe er schon als Fünfzehnjähriger gemalt. Diese beinhalteten bis in die späten Achtzigerjahre Häuser, Wege, Zäune und Holzbeigen. Mit der Zeit verschwanden auch diese Zeichen von menschlicher Zivilisation und es beherrschten Wälder, Bäche - ja manchmal noch ein Rapsfeld und natürlich der Untersee - die Szenerie. «Reduziert wurde nicht nur das, was vom Menschen sichtbar ist, sondern auch das Dargestellte, mehr Raum wird weiss gelassen auf der Leinwand, diese wächst dafür skulptural in den Raum hinein. Reduzierung der Farbe könnte man sagen - zugunsten des Volumens», sagt die Tochter über die Werke ihres verstorbenen Vaters.
Bei ihrer Mutter sei eine Entwicklung sichtbar: « Vom klassischen holländisch geprägten Stillleben mit schwarzem Hintergrund hin zu einer Öffnung in die Weite.» Da komme als Hintergrund der Untersee in den Blick - die Aussicht vom Haus in Fruthwilen. Die Sujets wurden breiter, mehr lebende Natur, wenige Nature Morte und dann, laut der Tochter in den Nullerjahren, verstärkt noch ab 2010 bricht das Surreale, das Fantastische ein in diese so minutiös gemalten Bilder. Da wachsen Elefanten aus Bäumen, Hände greifen ins Bild, Frösche sitzen auf Stühlen. Es kam mehr Innenleben noch ins Dargestellte. Das bisher Unsichtbare bricht sich Bahn, bis dann noch später auf einmal gröber auf Leinwand gemalte Blumenbilder alles übernahmen. Ein Farbenrausch könne man sagen, und zwar ganz am Schluss. Aber das, hebt die Tochter hervor, war wichtig: «Immer in der Tradition der Vanitas-Darstellungen, die auf den Tod und die Vergänglichkeit alles Irdischen weist» Es gab keine Blumenbilder, ohne dass da eine schon ganz verwelkt wäre. Die Vergänglichkeit ist bei der verstorbenen Fruthwiler Künstlerin immer sichtbar dabei. Mit dieser Ausstellung schliesst sich ein Kreis, denn in der Seeburg hat das verstorbene Ehepaar in den Achtzigerjahren zwei Jahre hintereinander ausgestellt. «Auf den See, den wir hier auch sehen, haben beide lange Jahre geschaut - bis zuletzt», beendet Anja Niedrhauser ihre Gedanken. Und am Schluss gibt es ganz in der altbekannten Tradition: Emmentaler Käse, Äpfel und Weisswein.
Die Retroperspektive dauert bis zum 15. Mai und ist, ausser Montag täglich geöffnet zwischen 14 und 18 Uhr.
Werner Lenzin
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